Heute ist internationaler Frauentag. Woher ich das weiß? Während ich heute Abend nichts ahnend im Café saß, um für die Klausur nächste Woche zu lernen, zog plötzlich ein Trupp von 1500* Menschen an mir vorbei. Es ist zwar Frauentag, aber im Demonstrationszug waren auch auffällig viele Männer vertreten, ein großes Transparent lautete: “Männer für Gleichberechtigung”.
Nun finde ich das in mehrfacher Hinsicht interessant und da ich das schon die ganze Zeit hier im Blog mache, drängt sich natürlich ein Vergleich mit Demos in Deutschland an.
Das erste, was mich gewundert hat, war das Polizeiaufgebot. Ich konnte genau einen Streifenwagen beobachten, der vorneweg fuhr, einen Streifenwagen am Ende des Zuges und einen Ansprechpartner der Polizei, der mit gelber Signalweste an der Seite mitlief. Nochmals zur Erinnerung: Wir sprechen hier von 1500* Demonstranten. Aus Duisburg kenne ich Demos, bei denen die Zahl der Polizisten die Zahl der Demonstranten bei weitem übertraf
und fast immer sind auch Polizisten mit Kameras unterwegs, die konnte ich hier nicht sehen.
Der zweite Punkt: Die Masse der Demonstranten. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in Duisburg in den letzten Jahren eine Demonstration wegen des Frauentages gegeben hätte, dabei wohne ich schon in der Innenstadt. Falls sie stattgefunden hat, muss sie also wirklich klein gewesen sein (Göteborg und Duisburg haben etwa gleichviel Einwohner). In diesem Zusammenhang besonders interessant: Es gibt kein Land der Welt, in dem die Gleichstellung so weit entwickelt ist wie Schweden.
Tatsache ist: Schweden ist das Land der Welt, in dem die Gleichstellung der Geschlechter am höchsten entwickelt ist. So steht es im Report der Vereinten Nationen über die Fortschritte in dieser Angelegenheit, der seit der Weltfrauenkonferenz in Peking im Zweijahrestakt erscheint. Das Verhältnis von Mädchen zu Jungen in höherer Schulbildung: 98 zu 100. Erwerbsbeteiligung: 51 Prozent. Schweden steht auf Platz eins bei der Beteiligung der Frauen an der Macht, fast die Hälfte der Abgeordneten im Parlament ist weiblich. Ein schwedisches Kabinett besteht aus Tradition zur Hälfte aus Ministerinnen, das Wort war: Tradition. Im Deutschen Bundestag sitzten (sic!) gerade mal 33 Prozent Frauen, sogar Costa Rica hat mehr Frauen im Parlament als wir, die wir auf der Hitliste der Gleichstellung erst auftreten dürfen, nachdem dort nach Schweden bereits Dänemark, Finnland, Norwegen, Island und die Niederlande stehen. [Zeit.de, 19.5.2005]
Obwohl sich die Schweden also eigentlich zufrieden zurücklehnen könnten, bringen sie trotzdem noch so eine Masse an Demonstranten auf die Straße. Das zeigt, dass sie sich bewusst sind, dass man den jetzigen Zustand nicht als selbstverständlich hinnehmen kann und dass man kämpfen muss, um ihn zu bewahren. Wenn sie also schon bei einer nicht akuten Gefahr, so viele Leute auf die Straße bekommen, würde ich gerne mal erleben, wie hier eine Demonstration abläuft, bei der es tatsächlich um etwas spezifisches geht.
Der dritte Punkt: Keine Parteien. Normalerweise werden solche Demos ja gerne von Parteien fürs eigene Image genutzt, aber hier habe ich nicht ein einziges Zeichen einer Partei gesehen. Das heißt nicht, dass die Demo nicht politisch war, auf den Transparenten ging es um Gleichstellung, aber z.B. auch um Ausgrenzung von Alten, 6 Stunden Tag usw.
Ich bin wirklich beeindruckt von der Demo, mir zeigt sie, dass die Schweden ein anderes Verständnis von Demokratie haben
als wir in Deutschland. Meine letzte große Enttäuschung in Duisburg war die Studentendemo gegen Studiengebühren: Maximal 30 Teilnehmer, bei 12.000 eingeschriebenen Studenten, fast so viele Polizisten wie Demonstranten und das, obwohl Umfragen zeigten, dass der größte Teil der Studenten gegen die Gebühren war.
*Grobe Schätzung meinerseits