Monthly Archives: December 2007

Phantasien

Ich lese gerade Planet Germany (was mir Amsterdammer freundlicherweise zum Geschenk gemacht hat, vielen Dank dafür an dieser Stelle), darin vertritt Eric Hansen eine interessante These. Im Hinblick auf die Vorliebe der Deutschen für nichtdeutsche Dinge, behauptet er:

Jedes Eiscafé und jede Pizzeria stehen für die Erfüllung einer urdeutschen Phantasie: So zu leben, als ob es nicht ständig regnet.

Und ich glaube, er liegt absolut richtig. Das gilt aber nicht nur für Deutschland. In dem halben Jahr, das ich in Schweden verbracht habe, habe ich das Land wirklich lieben gelernt, so sehr, dass ich fast ein Angebot angenommen hätte, dort zu leben. Fast alles an dem Land ist nahezu perfekt, bis auf eine einzige Sache: das Wetter. Tja, manche Dinge kann man einfach nicht ändern (wobei wir beim Klima schon enorme Fortschritte machen – wenn auch ohne Absicht).

Netscape tot

Mancher mag es bedauern, aber im Grund sollte man doch froh sein, dass die Leichenfledderei endlich ein Ende gefunden hat: Netscape wurde heute von AOL offiziell für tot erklärt. Für viele aus meiner Generation war der Netscape Navigator der erste Browser und der erste Kontakt zum World Wide Web. Deshalb sehe ich den Untergang mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits war es DER Browser überhaupt, andererseits verlöscht das Feuer nicht, das Erbe bleibt erhalten, mag sich der Name des Fackelträgers auch geändert haben.

Frohes Fest

Ich wünsche allen muslimischen Lesern meines Blogs ein segensreiches Opferfest 2007. Weihnachten ist ja auch nicht mehr weit, gleich zwei Fest in kurzer Zeit.

Verdächtigt vom Mediamarkt

Ich hatte heute ein sehr unangenehmes Erlebnis: Im Mediamarkt wurde ich verdächtigt, ein Videospiel gestohlen zu haben. Die Situation war extrem stressig, beschämend und demütigend. Da es mein erstes Erlebnis dieser Art war, konnte ich auch nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen, um die Situation einzuschätzen. Für jeden, der unverschuldet in so eine Situation kommen sollte, gebe ich deswegen im Folgenden den Ablauf wieder. Ich schließe noch einen Absatz zu meinem Kommunikationsverhalten und das der Gegenseite ein.

Der Ablauf:
Kurz nach dem Bezahlen an der Kasse wurde ich von jemanden angesprochen, der einfach nur sagte: “Kommen Sie mal mit!”. Auf meine Rückfragen kam immer nur die selbe Antwort: “Kommen Sie mal mit!”. Ich bestand dann darauf, zu erfahren, wer er sei und warum ich mitgehen solle. Er sagte, er sei der Hausdetektiv und ich solle mitkommen. Als ich sagte, dass ich nicht die Absicht hätte, mitzugehen, antwortete er, dass man dann ja die Polizei rufen könne. Da ich unnötigerweise verunsichert war, ließ ich mich darauf ein, mitzugehen. Der Haudetektiv bestand dann darauf, dass ich die Sachen, die ich gerade gekauft hatte, mitnehme, und wir lieferten uns ein sinnloses Wortgefecht, da ich nicht das 15-Kilo-Papierpaket mitschleppen wollte. Jedenfalls setzte ich mich durch und wir gingen gemeinsam ins Büro. Dabei fiel mir dann auf, dass er einen Kollegen dabei hatte. Immer erst auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, was als nächstes passieren würde. Im Büro teilte man mir dann zum ersten Mal mit, was mir vorgeworfen wurde und ich wurde dann aufgefordert, meine Taschen zu leeren. Unglücklicherweise kam ich auch der Aufforderung nach, wobei ich nur meinen iPod in der Tasche hatte, und bekam dann das Band zu Gesicht, auf dem ich angeblich zu sehen war, wie ich etwas einsteckte. Die zeitliche Auflösung der Kameras war so schlecht, dass ich in einem Frame das Spiel ansehe und im nächsten Frame die Hand leer ist, das dürften vielleicht 10fps, wie man damit meint, irgend etwas nachweisen zu können, ist mir schleierhaft. Hier wurde mir dann gesagt, dass man der Sache nachgehen musste, weil ein Kunde sie darauf aufmerksam gemacht hätte, was mit hoher Sicherheit schlicht gelogen war. Damit wurde ich dann hinausgeführt.

Das Kommunikationsverhalten:
Der erste Hausdetektiv war von Anfang an aggressiv. Ohne sich vorgestellt zu haben, sprach er mich von der Seite an und war schon dabei weiter zu laufen, weil er offenbar erwartete, dass ich gleich mitgehen würde. Mit der Aussage, man könne auch die Polizei rufen, wollte er die Situation gleich eskalieren lassen. Das Blöde an dieser Situation ist, dass man sich in diesem Moment nicht ganz sicher ist, ob man nicht vielleicht doch geistesabwesend etwas eingesteckt hat, vielleicht eine Speicherkarte oder etwas anders kleines. Nur sollte man in jedem Fall darauf bestehen, dass die Polizei gerufen wird, da sie, im Falle dass man etwas eingesteckt hat, ohnehin kommen müsste. Wenn jeder darauf bestehen würde, dass die Polizei gerufen wird, würden die Hausdetektive deutlich zurückhaltender reagieren und sauberer arbeiten, da es die Polizei gar nicht mag, häufig ohne Grund gerufen zu werden.

Dass er sich dann noch ein Wortgefecht mir mir über meine Sachen lieferte, die ich gerade eingekauft hatte, lässt darauf schließen, dass er keine Ahnung hatte, wie ein Gespräch deeskalierend zu führen ist. Das machte ihm dann sein Kollege vor, als wir auf dem Weg ins Büro waren, anscheinend hatte er einen Crashkurs in Gesprächsführung erhalten und versuchte mit ein paar unverfänglichen Fragen einen Dialog aufzubauen. Wenn man mit Menschen zu tun hat, wie dem erstem, sollte man gleich darauf bestehen, mit jemand anderem zu sprechen. Entweder ruft man tatsächlich die Polizei oder man verlangt nach dem Geschäftsführer, aber auf eine Diskussion mit so einem Typen sollte man sich gar nicht erst einlassen, leider erkennt man den Typ erst, wenn man schon diskutiert hat, dann hilft nur noch der kontrollierte Abbruch. Mit dem zweiten Typ ist die Sache komplizierter. Einerseits ist es eine gute Idee, das Gespräch nicht eskalieren zu lassen, andererseits sollte man sich nicht einwickeln lassen, da man sonst nicht dazu kommt, über das eigene Vorgehen nachzudenken. Ich hab nicht auf ihn reagiert und hab statt dessen ein paar mal tief Luft geholt. Danach habe ich selbst die Initiative im Gespräch übernommen und versucht, die Gesprächshoheit zu bekommen. Das bedeutet: möglichst viele gezielte Fragen stellen, den eigenen Standpunkt definieren, feststellen, was man von der Situation hält und niemals dem Gegenüber die Initiative und die Gesprächsführung überlassen, es ist schon schlimm genug, dass man über das weitere Vorgehen nicht selbst bestimmt.

Nach der Auflösung der Situation sollte man auf eine Entschuldigung bestehen, stattdessen beschuldigte mich der erste Hausdetektiv, weil ich eine Szene gemacht hätte und nicht gleich mitgegangen wäre, wie es sonst alle anderen machen würden. Das wäre dann die Situation, in der man den Geschäftsführer verlangen und sich über den Mitarbeiter beschweren sollte. Kein Geschäftsführer sieht es gerne, wenn übereifrige Angestellte, zahlende Kunden verärgern. Leider war ich in der Situation zu perplex, um korrekt zu reagieren.

Eigentlich kenne ich mich in Gesprächsführung sehr gut aus, immerhin bin ich Linguist und beschäftige mich recht häufig mit der Analyse von Gesprächen, man sollte also meinen, dass ich das Gespräch von Anfang an beherrscht hätte, zumal die beiden Gesprächspartner kaum oder gar nicht in dieser Hinsicht trainiert waren, dem war aber nicht so. Zum einen ist man in solchen Situationen überrascht und überrumpelt, da man nie damit rechnet. Die Initiative geht einzig und allein von der Gegenseite aus, die planen und den Zeitpunkt selbst nach belieben wählen kann.

Zum anderen ist die Situation ungewohnt, man weiß nicht, was als nächstes passieren wird, kann die Konsequenzen der eigenen Handlungsmöglichkeiten nicht abschätzen und ist dazu noch in Unterzahl. Für die Gegenseite ist die Situation Alltag, sie kennt viele Variationen der Situation und hat zunächst durch den Überraschungsmoment die Gesprächshoheit inne. Außerdem ist sie über die weiteren möglichen Schritte informiert und bestimmt auch das weitere Vorgehen.

Der dritte Punkt: Die Situation ist für den Betoffenen zutiefst peinlich. Jeder der Umstehenden weiß schon nach der Aufforderung “Kommen Sie mal mit!” genau, worum es geht. Man ist gedemütigt, beschämt und aufgeregt. Das hemmt das Denken, plötzlich weiß man gar nicht mehr was man sagen oder tun soll. Da hilft nur eins: Tief durchatmen. Auf dem Weg zum Büro hab ich nicht auf Fragen reagiert, sondern drei Mal tief durchgeatmet, um dann selbst die Initiative im Gespräch zu übernehmen.

Gleich im Anschluss an diesen Vorgang hab ich mich massiv über mich selbst geärgert, weil ich in vielen Szenen falsch reagiert habe, aber die Realität bringt nunmal auch Faktoren mit sich, die man nicht theoretisch erlernen kann. Für mich war diese Beschreibung zum einen eine Möglichkeit, diesen unglaublich peinlichen und beschämenden Vorfall zu verarbeiten, zum anderen sollte mir die Analyse aber helfen, um demnächst in ähnlichen Situationen selbstsicherer aufzutreten und bewusster zu handeln. Und vielleicht hilft es ja auch dem einen oder anderen, der unverschuldet in die selbe Situation gerät und dabei seine Würde behalten möchte.